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Häusersammler #3: Interview mit Denes Kiss, dem alte Wohnhäuser Erdung bieten

21. Juni 2022

Die «Häusersammler» Nummer 1 und Nummer 2, die wir am 21. Oktober 2021 resp. am 13. Januar 2022 interviewt haben, haben ihre Engagements für historische Wohnbauten in ausgeprägte Verbindung mit der Erhaltung alter Bausubstanz gebracht. Diese ist unserem heutigen Interviewpartner selbstverständlich auch wichtig. Im Gespräch mit Benno Schubiger, dem Redaktor dieses Newsletters, streicht der Basler Denes Kiss aber vor allem sein Faible für die Geschichte seiner Häuser und deren früheren Bewohnern heraus. Er ist Eigentümer einer Liegenschaft in der Altstadt von Basel und des ehemaligen Pfarrhauses in Schönenbuch BL sowie eines alten Bauernhauses in Tarasp GR.

BS: Herr Kiss, mögen Sie uns in einigen Sätzen die historischen Wohnhäuser charakterisieren, die sie besitzen?

DK: Vor etwa vierzig Jahren, als junger Arzt Anfang Dreissig, konnte ich in Tarasp von Frau Gregori ein Engadiner Bauernhaus mit Scheune aus der Zeit um 1600 erwerben. Bei der Chasa Craps handelt es sich um einen früheren Lehnhof des Schlosses Tarasp. Meine erste Aufgabe war es dann, das seit fünfzig Jahren kaum unterhaltene Haus wieder bewohnbar zu machen. Es war schwierig, dieses Haus wieder warm zu kriegen. Durch Isolation vom Estrich her und vom Keller her gelang dies dann. Mit dem Architekten, der in dieses alte Bauernhaus Beton einziehen wollte, hatte sich aber ein längeres Hin und Her ergeben. Ich hatte Bedenken vor dem Verlust der guten Atmosphäre und des guten Hausgeistes. Dabei beobachtete ich, dass Einheimische oft wenig Verständnis für das Alte hatten und lieber alles neu machten. Zum grossen Glück hatte ich in der Nachbarschaft einen künstlerisch begabten Schreiner mit Flair für das Alte. Zusammen mit ihm versuchte ich, so viel wie möglich an Substanz zu erhalten, die Raumaufteilung, aber auch die zwei alten Backofen, den alten Steinofen. Heute ist es sehr angenehm, darin zu wohnen.

Meinen heutigen Wohnsitz in der Basler Altstadt kaufte ich erst viel später. Aber auch zuvor wohnte ich im Raum Basel immer in älteren Häusern. Meine Liegenschaft in der St. Alban-Vorstadt, das Bäckerhaus zu St. Alban, hat Wurzeln im 15. Jahrhundert und besteht aus zwei aneinandergebauten Häusern und einem Hinterhaus am Mühlenberg. Es handelte sich um dunkle und schlecht heizbare Häuser mit zwei Treppenhäusern. Das gassenseitige Erdgeschoss nahm einen Bäckerladen und eine Backstube auf, aber auch das Zimmer für den Bäckergesellen. Diese Bäckerei Fröhlicher lag an meinem Schulweg und als Primarschüler kaufte ich mir dort die stadtbekannten «Faschtewaie». Als dann Jahrzehnte später diese Liegenschaft zum Verkauf stand, hatte ich das Glück, von der Bäckersfrau Fröhlicher vor vielen anderen Kaufinteressenten ausgewählt zu werden und das Doppelhaus samt seinem Hinterhaus erwerben zu können. Das war etwa vor 25 Jahren. Die anschliessenden Renovationsarbeiten zogen sich dann lange hin. Ein junger Architekt wollte das historische Haus definitiv kaputt machen. Ein Baumeister agierte ohne Gefühl. Erst der dritte Architekt, Rolf Müller, konnte mein Anliegen einer substanzerhaltenden Renovation mit viel Sachverstand und Erfahrung für solche Bauten umsetzen.

Hinter dem Erwerb meines dritten alten Wohnhauses stand ein alter Traum. Ich hatte meiner Frau versprochen, ihr ein altes Sundgauer Riegelhaus zu kaufen. Nach Jahren ergab sich endlich die Gelegenheit, in Schönenbuch BL das ehemalige Pfarrhaus zu kaufen. Bei diesem handelte es sich um ein früheres Judenhaus, das aus Hagenthal, dem Nachbardorf im Elsass, gezügelt worden war. Aus Holzbalken gefügte Riegelhäuser waren ja demontierbar und deshalb zügelbar. Dem Kauf gingen mehrere Abstimmungen an der Kirchgemeindeversammlung voraus. Die Sanierung Restaurierung erfolgte wiederum unter der Leitung des Architekten Rolf Müller. Dabei ergaben sich viele Diskussionen mit der Baselbieter Denkmalpflege über die Frage, ob die Balken des Riegelwerks nach x Jahren wieder sichtbar sein dürfen. Zum Glück konnte ich mich mit meinem Wunsch durchsetzen, und heute zeigt das Fachwerk seine naturbelassenen Holzbalken und fügt sich ideal in den alten Dorfkern ein.

BS: Was fasziniert Sie an solchen Gebäuden besonders?

DK: Es ist deren Funktion, das Leben darin und dass man von dem, was man in diesen Häusern damals unter einem Dach erzeugte, leben konnte. Ich denke da an den Kuh- sowie Schweinestall und an den noch immer bestehenden Hühnerstall. Bei den neuen, den heutigen Wohnformen ist das ja alles ganz anders, da sind Wohnen und Arbeiten ganz und auch durch Distanzen voneinander getrennt. Letztlich fasziniert mich an diesen historischen Häusern auch die andere Welt, die sich in ihnen ausdrückt und in denen man das Alte spüren kann – die Gegensätzlichkeit der Lebensform.

BS: Ich spüre, dass für Sie nicht der herrschaftliche Habitus oder die ästhetischen Qualitäten eines historischen Wohngebäudes im Vordergrund stehen, sondern damit verbundene Erzählungen. Worauf gründet Ihr besonderes Faible für die sozialgeschichtlichen Aspekte eines alten Wohngebäudes?

DK: Um das zu erkennen müsste ich vielleicht eine Psychoanalyse machen (lacht). Aber ich weiss, dass das so ist, wie Sie es grad geschildert haben. Möglicherweise hängt dies mit meiner Immigrationsgeschichte zusammen. Ich musste 1956 als Fünfjähriger mit meinen Eltern aus Ungarn fliehen, wo wir nahe der Grenze zu Österreich gelebt hatten. 

Möglicherweise habe ich versucht, mit dem Erwerb von alten Häusern, die eine Geschichte besitzen, eigene Wurzeln zu schlagen, mich mit solchen Liegenschaften zu erden. Vielleicht wollte ich Altbauten mit bewährten Funktionen irgendwelchen Neubauexperimenten mit offenem Ausgang vorziehen. Ich betreibe ja heute diese Häusergeschichten immer noch mit grossem Engagement, und mein ältester Sohn hat sich ein ähnliches Stadthaus von 1880 am Spalentorweg erworben.

BS: Können Sie uns die speziellen Herausforderungen beim Umgang mit historischer Bausubstanz schildern, die einer Wohnnutzung dienen soll?

DK: Das Wichtigste ist, sich selber im Klaren zu sein, was man will und dass man dieses mit dem Architekten diskutiert, damit dieser dann das Besprochene optimal umzusetzen kann. Meines Erachtens geht es darum, dass man sanft probiert, in ein altes Gemäuer ein modernes Haus zu bauen, Annehmlichkeiten umzusetzen, dabei möglichst viel alte Substanz zu erhalten und das Alte nicht zu zerstören. Wohnlichkeit und Wärme sollen möglich sein und dabei den alten Charme beizubehalten.

 

Denes Kiss, Mitglied der Domus-Sektion beider Basel, wurde in Szeged in Ungarn geboren und immigrierte 1956 mit seinen Eltern in die Schweiz, deren Staatsbürgerschaft er als Achtzehnjähriger erlangte. Nach dem Besuch der Primarschule in Basel und nach Erlangung der Matura Typ C am Mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums in Basel studierte er an der Universität Basel Medizin, machte dort das Staatsexamen und promovierte auch ebendort. Nach Weiterbildungen in Deutschland und in Frankreich arbeitete Dr. Kiss als Leitender Arzt Nephrologie der Medizinischen Universitätsklinik des Kantonsspitals Liestal. Sehr zahlreiche Vorträge und Publikationen begleiteten seinen beeindruckenden Berufsweg.